Als ihr Sohn starb, sortierte Ursula Massfeller-Roeske im
Trauerzentrum das Chaos der Gefühle

Bei Trauernden scheint kein Verhalten angemessen. Jedenfalls nicht für die Menschen in ihrer Umgebung. Denn wenn sich Ursula Maßfeller-Roeske schminkt und für die Arbeit ordentlich kleidet, dann sagen die einen: „Du siehst gut aus, es scheint dir besser zu gehen.“ Und zieht sich die Wiehlerin zurück, bleibt sie zuhause und meidet Grillabende oder Geburtstagsfeste, dann sagen die anderen: „Du solltest unter Leute, das hilft bestimmt.“

Doch wie soll man sich nach einem unsagbaren Verlust überhaupt verhalten? Wie soll man eigentlich aussehen, was soll man denn anziehen? „Nach dem Tod meines Sohnes kann ich mir nicht auch noch darüber Gedanken machen“, sagt Ursula Maßfeller-Roeske. Denn jeden Tag ohne Tim überhaupt weiterzuleben, koste sie bereits unendlich viel Kraft. „Energie, um den Ansprüchen anderer Menschen zu genügen, bleibt mir nicht.“

Als ihr damals 17-jähriger Sohn bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückt ist, fiel auch Ursula Maßfeller-Roeske aus der Welt. Nach dem schwarzen Nichts der ersten Wochen, überrollten sie abwechselnd Fassungslosigkeit und Verzweiflung, Wut, Ohnmacht und Schuldgefühle. Zu einem Ort für dieses Chaos verhalf ihr eine Freundin: Sie machte für die verwaiste Mutter einen Termin im Trauerzentrum Oberberg der Malteser in Wiehl und begleitete sie zum ersten Gespräch.

Wenn andere Menschen die Straßenseite wechseln

„Mit all meinen schrecklichen Gefühlen fühlte ich mich hier von Anfang an gut aufgehoben“, sagt Ursula Maßfeller-Roeske. „Ich erlebte, dass meine angeblich verrückten Gedanken in Ordnung sind und ich mich für meine Tränen nicht zu entschuldigen brauche.“ Und egal, was auch immer sie im Gespräch mit Trauerbegleiterin Conny Kehrbaum gesagt habe: „Alles wurde von ihr akzeptiert, nichts bewertet.“

Trauer sei eben keine krankhafte Störung, betont Conny Kehrbaum, Leiterin des Malteser-Hospizdienstes Wiehl / Nümbrecht und dessen Trauerzentrum. „Trauer ist vielmehr eine menschliche Fähigkeit, mit einem Verlust umzugehen. Sie ist ein Konglomerat an Gefühlen, dass in unserer Gesellschaft meist zu Unsicherheit im Umgang mit trauernden Menschen führt.“ Wer einen schweren Verlust erlitten habe, dem kämen zusätzlich Freunde, Nachbarn und Bekannte abhanden, sagt die Trauerbegleiterin.

„Andere Menschen gehen mir aus dem Weg, sie wechseln die Straßenseite oder verschwinden im Hauseingang“, das hat auch Ursula Maßfeller-Roeske erlebt. Die Ängste und die Verunsicherung der Mitmenschen seien für Trauernde oft ebenso schwer auszuhalten wie Floskeln und gut gemeinte Ratschläge, weiß Conny Kehrbaum.

Der Verlust ist nicht gutzumachen

„Mein Berg der Trauer ist nicht beseitigt, jedoch soweit Bröckchen für Bröckchen abgetragen worden, dass durch ihn hindurch auch mal wieder ein Blick auf die Sonne möglich ist“, fasst Ursula Maßfeller-Roeske ihre fast zweijährige Begleitung im Trauerzentrum zusammen. „Ich habe Gefühle zugelassen, Menschen losgelassen und meinen eigenen Weg der Trauer gesucht.“

Von Trauerbegleiterin Conny Kehrbaum gab es unterwegs auch praktische Hinweise – so etwa vor dem ersten Urlaub ohne Tim, bei dem seine Mutter sich fühlte, als ob sie ihn im Stich lassen würde. „Schreiben sie seinen Namen in den Sand, stecken sie etwas vom Urlaubsort für sein Grab ein, dann sind sie ihm auch am Ferienort nah“, hatte ihr Conny Kehrbaum gesagt.

Nur mit Spenden finanziert

Zu der ausschließlich mit Spenden finanzierten Arbeit der Trauerbegleiter in Wiehl gehört auch der Verweis auf weitere Fachleute wie etwa Ärzte, Psychotherapeuten oder Psychologen. „So sind zum Beispiel ein Trauma oder eine psychische Erkrankung nicht mit einer Begleitung zu lindern“, erklärt Conny Kehrbaum. Und natürlich verschwinde auch die Trauer nicht einfach durch eine Begleitung: „Der Verlust ist nicht wiedergutzumachen, und Löcher füllen sich nicht einfach wieder.“ Man müsse den Verlust eben immer wieder wahrhaben und ins eigene Leben integrieren, beschreibt es Ursula Maßfeller-Roeske.

Zu ihrem persönlichen Umgang mit der Trauer gehört auch, dass Tims Freunde gerne zu seinem Geburtstag und an seinem Todestag bei ihr zu Besuch sind. Dann sitzen sie in seinem Zimmer und hören Musik. „Manche Menschen finden das komisch, aber mir hilft das“, sagt sie. Und wie sie bei der Trauerbegleitung erfahren hat, ist Letzteres eben wichtiger.

Text: Sabine Eisenhauer

10.07.2017 - Wiehl